Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Auf dem Titelbild ist eine Rekonstruktion des Aussehens von Aetzi zu sehen. Autor: Johann Brandstätter / AKG / Profimedia.

Vor dreißig Jahren wurde in den Ötztaler Alpen die eisige Mumie eines vor rund 5.000 Jahren ermordeten Mannes entdeckt. Die eisigen Überreste waren durch Sonne, Wind und Minustemperaturen auf natürliche Weise perfekt erhalten.

Der Fund wurde schnell zu einer Sensation. Viele Bücher wurden über Aetzi (oder Ötzi), wie der Mann genannt wurde, geschrieben, Dokumentarfilme wurden gedreht und sogar ein Spielfilm wurde gedreht, der das Leben und die Lebensweise eines Mannes aus der Jungsteinzeit in Europa nachstellte.

Heute wird Aetzi von Forschern des Archäologischen Museums Südtirol in Bozen sorgfältig gepflegt. Sein Körper wird in einer speziellen Kühlkammer aufbewahrt, in der eine konstante Temperatur von -6 Grad Celsius gehalten wird. Mehrmals im Jahr werden seine Überreste mit sterilem Wasser besprüht, um ein schützendes „Exoskelett“ aus Eis zu schaffen, das dafür sorgt, dass die Eismumie in demselben Zustand bleibt, in dem sie gefunden wurde.

Obwohl drei Jahrzehnte seit der Entdeckung von Aetzi vergangen sind, untersuchen die Wissenschaftler ihn weiterhin, um Details über das Leben in der Jungsteinzeit herauszufinden.

Der Mann von Aetzi: Wie sah er aus?

Aetzi war ein drahtiger Mann von kleiner Statur, 165 Zentimeter groß. Zum Zeitpunkt seines Todes war er 45-46 Jahre alt.

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Wissenschaftler haben das Aussehen von Aetzi nachgebildet: ein Mann, der vor mehr als 5.000 Jahren lebte.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Aetzi Linkshänder war und Herrenschuhe der Größe 39 trug. Seine Augen, die überraschenderweise noch in den Augenhöhlen erhalten waren, galten lange Zeit als blau, aber eine Genomanalyse zeigte, dass die Wissenschaftler sich geirrt hatten. Der Mann hatte braune Augen und dunkelbraunes Haar sowie eine typisch mediterrane Hautfarbe.

Aetzi litt an Laktoseintoleranz und einer seltenen genetischen Anomalie, die die Bildung seines 12. Rippenpaars verhinderte. Er litt an Karies, Darmparasiten, Borreliose und Schmerzen in den Knien, Hüften, Schultern und im Rücken. Auf seinem Körper wurden einundsechzig Tätowierungen gefunden. Besonders interessant ist, dass sie die Abnutzung seiner Knochen und Gelenke sowie Akupunkturpunkte darstellen.

Im Laufe seines Lebens brach sich Aetzi mehrere Rippen und die Nase, und die Rillen auf seinen Fingernägeln deuten darauf hin, dass er in den Monaten vor seinem Tod wiederholt körperlich belastet wurde, wahrscheinlich aufgrund von Unterernährung. Er hatte eine genetische Veranlagung für Atherosklerose. Ein CT-Scan bestätigt, dass es sich um den ältesten bekannten Fall einer Herzerkrankung auf der Welt handelt. Auch bei anderen Mumien wurden Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt, doch waren sie nicht älter als 4 000 Jahre.

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Auf Aetzis Körper wurden mehr als 60 Tätowierungen gefunden, die auf problematische Gelenke und Akupunkturpunkte hinweisen.

Der Kohlenstoffdatierung zufolge lebte Aetzi um 3350-3110 v. Chr. Nach seiner DNA-Signatur zu urteilen, war Aetzi ein Nachkomme neolithischer Bauern, die vor 8 000-6 000 Jahren durch Anatolien (die heutige Türkei) zogen und die europäischen paläolithischen Jäger und Sammler ablösten. Sein mütterliches genetisches Erbe ist in modernen Populationen nicht mehr vorhanden, aber seine väterliche Abstammung lebt in Gruppen weiter, die auf Mittelmeerinseln leben, insbesondere auf Sardinien.

Als Aetzi gefunden wurde, trug er nur Schuhe, aber viele seiner Habseligkeiten wurden später in der Nähe der Stelle gefunden, an der sein Körper 5.000 Jahre lang gelegen hatte. Seine Schuhe und Oberbekleidung waren aus den Fellen einheimischer Schafe und Ziegen genäht. Die Schuhe waren mit Gras gestopft, das als Socken diente. Die Sohle war aus Bärenfell gefertigt. Die Pelzmütze war ebenfalls aus Braunbärenfell gefertigt.

Welche Art von Ausrüstung benutzten die Eiszeitmenschen?

Aetzi durchquerte die Öztaler Alpen mit einem Rucksack auf einem Holzgestell und einem Köcher aus Hirschleder, in dem sich Pfeile mit Knochenspitzen befanden. Außerdem trug er einen Feuersteindolch mit Eschengefäß und Scheide.

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Aetzis Siliziumdolch mit Scheide.

In einem Behälter aus Birkenrinde, wie er auch heute noch in der Region hergestellt wird, befand sich Kohle, die in frische Ahornblätter eingewickelt war und es ihm ermöglichte, schnell ein Feuer zu machen.

Eines der wichtigsten Accessoires dieses primitiven Mannes ist eine Kupferaxt mit trapezförmiger Klinge. Die Klinge ist mit Kuhfellriemen an den Eibenstiel gebunden. Eine solche Axt war damals ein sehr teurer Gegenstand.

Woran ist Aetzi gestorben?

Einige Stunden vor seinem Tod aß Aetzi Weizen, Hirschfleisch und Bergziege. Es dauerte 18 Jahre, bis die Forscher den Inhalt seines Magens mit einem CT-Scanner analysieren konnten. Die Untersuchung wurde dadurch erschwert, dass der Magen unter die Rippen verlegt wurde, wo sich die Lunge befindet.

Der Schnitt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand deutet darauf hin, dass Aetzi einige Tage vor seinem Tod eine Stichwunde erlitten hatte. Es war eine aktive Verteidigungswunde. Wahrscheinlich hat er versucht, die Klinge zu greifen. Diese Wunde war noch nicht verheilt, als er von einem Pfeil getroffen wurde, der eine Arterie an der hinteren linken Seite seiner Schulter beschädigte. Infolgedessen verblutete Aetzi innerhalb weniger Minuten.

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Die Mumie von Aetzi auf dem Operationstisch.

Die Untersuchung der Mumie durch Ärzte und Pathologen bestätigte auch, dass der Mann aus dem Eis eine erhebliche Hirnblutung hatte, aber die Experten sind sich über die Ursache uneinig. Möglicherweise hat ihm jemand einen Schlag auf den Kopf versetzt, der ihn getötet hat. Es besteht auch die Möglichkeit, dass er gestürzt ist und mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen ist. Einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass es für keines dieser Szenarien schlüssige Beweise gibt.

Nach der Analyse der Pollen und Ahornblätter zu urteilen, die Aetzi bei sich trug, starb er im Frühsommer. Eine Theorie besagt, dass warme Sommerwinde ihn austrockneten. Es ist auch möglich, dass der Eismann aufgrund der niedrigen Temperaturen auf dem Hochgebirgspass überlebte. Dafür spricht ein gut erhaltenes und dehydriertes Gehirn. Normalerweise verflüssigt es sich zusammen mit anderen Organen einige Tage nach dem Tod.

Welche Bakterien und Viren gab es beim Urmenschen?

Eine von Wissenschaftlern der Universität Trient durchgeführte Studie ergab, dass Aetzi drei von vier Stämmen des Bakteriums Prevotella copri aufwies. Das ist sehr selten, denn normalerweise können Menschen nur einen Stamm von P. copri haben, der die anderen überwiegt, d. h. er unterdrückt die anderen Stämme.

Die Eismumie des urzeitlichen Aetzi. Was haben die Wissenschaftler 30 Jahre später gelernt?

Aetzis Körper wird in einem speziellen Kühlraum aufbewahrt, in dem eine konstante Temperatur von -6 °C herrscht.

Eine weitere Entdeckung der Wissenschaftler ist, dass der Darm von Aetzi das Bakterium Helicobacter pylori enthält, das heute in der Hälfte der Weltbevölkerung vorkommt und bei etwa 10 % der Infizierten schwere oder sogar tödliche gesundheitliche Folgen hat. Der heute in Europa vorherrschende Stamm von H. pylori ist eine Kreuzung aus dem asiatischen und dem afrikanischen Stamm. Bei Aetzi wurde ein rein asiatischer Stamm gefunden, was darauf hindeutet, dass die afrikanische Art erst nach seinem Tod nach Europa gelangte. Dies hat Auswirkungen auf die Debatte darüber, ob H. pylori ein natürliches Mitglied unserer Darmflora ist oder ob es sofort nach seiner Entdeckung mit einem Antibiotikum behandelt werden sollte.

Bei einer anderen Untersuchung seiner Darmmikroflora wurde ein pathogener Stamm des Vorläufers Clostridium perfringens nachgewiesen, der heute eine häufige Ursache für Lebensmittelvergiftungen ist.

Das war der primitive Mensch Europas. Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass die Erforschung von Aetzi durch Wissenschaftler noch nicht abgeschlossen ist. Wenn neue Informationen auftauchen, werden wir auf jeden Fall in unserem Blog darüber berichten.


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