Anziehungseffekt: Gut aussehende Menschen erwecken mehr Vertrauen

Anziehungseffekt: Gut aussehende Menschen erwecken mehr Vertrauen

Wir alle kennen das Sprichwort: „Es ist besser, körperlich schön zu sein als seelisch“, aber Wissenschaftler haben vor kurzem eine weitere verbreitete kognitive Voreingenommenheit entdeckt, die schwer zu bekämpfen ist:

Gut aussehende Menschen sind vertrauenswürdiger. Körperlich attraktive Menschen gelten in der Regel auch in anderer Hinsicht als „außergewöhnlich“, beispielsweise als zuverlässiger, ehrlicher und intelligenter. 

Die Beweise für einen unbegründeten „Heiligenschein der Attraktivität“ beruhten jedoch meist auf Studien, die voreilige Schlussfolgerungen ohne Rückmeldung oder Konsequenzen für die Personen, die die Urteile fällten, zogen.

Gayatri Pandey und Vivian Zayas von der Cornell University beschlossen, zu untersuchen, wie sich diese Voreingenommenheit langfristig auswirkt, wenn sie im Widerspruch zu sachlichen Daten steht. Wenn man beispielsweise erfährt, dass ein attraktiver Investor sein Geld verliert und ein unattraktiver Investor Gewinne macht, kann man dann diese Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Personen aufgeben? Eine Studie, die im British Journal of Psychology veröffentlicht wurde, legt das Gegenteil nahe.

In einer Vorstudie wurden 91 Studenten jeweils vier Fotos ihrer potenziellen „Finanzpartner“ (alle vom gleichen Geschlecht) gezeigt. Zwei Gesichter wurden als attraktiv und zwei als unattraktiv eingestuft. Die Studenten erhielten einen hypothetischen Betrag von 2000 Dollar und wurden aufgefordert, so viel wie möglich zu verdienen. Insgesamt wurden 50 Experimente mit ausschließlich männlichen Partnern und weitere 50 mit weiblichen Partnern durchgeführt. Die Teilnehmer mussten sich das Gesicht der Person aussuchen, die mit ihrem Geld umgehen sollte, und jedes Mal wurde ihnen gesagt, ob sie Geld verloren oder gewonnen hatten.

Vor Beginn des Experiments wurden die Studenten darüber informiert, dass einige Partner hilfreicher sein würden als andere. Sie wurden gebeten, jeden auszuprobieren, um zu sehen, wer besser und wer schlechter ist. Es wurde ihnen auch nicht gesagt, dass es zwei gleichermaßen unrentable Partner gab (die relativ hohe Sofortgewinne, aber geringere langfristige Gewinne oder sogar langfristige Verluste brachten) – einen attraktiven und einen unattraktiven – und zwei profitable Partner (die höhere langfristige Gewinne brachten), ebenfalls einen attraktiven und einen unattraktiven.

Wie erwartet zeigten die Schüler zunächst eine Präferenz für attraktive Partner. Aber auch nachdem sie eine Rückmeldung zu ihren Ergebnissen erhalten hatten, blieben sie ihren Präferenzen treu.

Tatsächlich zogen sie einen attraktiven und unrentablen Partner einem unattraktiven, rentablen Partner vor. Und sie gaben an, dass sie attraktive Partner lohnender fanden. (Im zweiten Versuchsblock gab es einige Verbesserungen, die jedoch nach der Analyse der Autoren eher auf eine bessere Nutzung des Feedbacks als auf eine Veränderung des Attraktivitäts-Halos zurückzuführen sind).

Den Forschern zufolge reichten 50 Versuche vielleicht nicht aus, um nützliche von unbrauchbaren Partnern genau zu unterscheiden und somit ihre Attraktivität zu verringern. Also führten sie ein weiteres Experiment durch, diesmal mit 135 Teilnehmern, die jeweils 100 potenzielle Geschäfte abschlossen.

Die Ergebnisse waren unterschiedlich, aber nicht radikal. Wenn die Teilnehmer 100 Versuche unternahmen und ein Feedback dazu erhielten, begannen sie, den vorteilhaften Partner zu bevorzugen. Nach einigen Verlusten kehrten sie jedoch noch schneller zu einem attraktiven Partner zurück als zu einem unattraktiven.

„Auch Zeit und Information hatten keinen erkennbaren Einfluss auf den Anziehungseffekt“, schreiben die Forscher.

Anschließend wurden die Teilnehmer gefragt, für wie vertrauenswürdig sie die vier Partner hielten. Die beiden attraktiven Partner wurden eindeutig bevorzugt. Die Forscher vermuten, dass wir Attraktivität als ein Signal für Vertrauenswürdigkeit wahrnehmen und uns darauf verlassen, selbst wenn wir einen (wenn auch hypothetischen) finanziellen Verlust erleiden.

Vielleicht ließe sich die Attraktivitätsverzerrung durch weitere Versuche, Trends bei finanziellen Gewinnen und Verlusten zu verdeutlichen, beseitigen. Aber das kann nur weitere Forschung zeigen.

Und wie die Forscher selbst betonen, wurden nur weiße amerikanische College-Studenten und hypothetisches, nicht echtes Geld in die Arbeit einbezogen, so dass sie nur ein Ausgangspunkt für die Forschung in diesem Bereich ist, nicht das letzte Wort. Die neue Arbeit deutet jedoch definitiv darauf hin, dass der Heiligenschein der Attraktivität unser Urteilsvermögen weit mehr beeinflusst, als man annehmen könnte.


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